Ein exzellentes Revival
Eine neue Produktion von Evita im West End muss sich zwangsläufig der ruhmvollen Vergangenheit dieses Musicals stellen. Die Originalinszenierung von Hal Prince hatte am 21. Juni 1978 im Prince Edward Theatre Premiere; das Konzeptalbum des Werkes war ein Hit gewesen und sein Transfer auf die Bühne erregte riesiges, nachhaltiges Aufsehen. Die werbewirksame Suche nach einem unbekannten Gesicht für die Titelpartie verstärkte den Medienrummel noch weiter, deshalb gilt der Premierenabend heute schon fast als legendäres Ereignis, denn angeblich wurde damals zum letzten Mal ein Star über Nacht geboren: Elaine Paige (die damals in der Londoner Musicalszene aber nicht ganz so unbekannt war, wie di Legende es heute gerne hätte). Da kann es kein Zufall sein, dass diese neue Produktion, das erste Revival im West End seit der Ur-Inszenierung, ausgerechnet am 21. Juni 2006 im Adelphi Theatre Premiere feierte. Aber abgesehen von dieser zeitlichen Anspielung auf vergangene Tage und der damit implizierten Aufforderung zum Verglich werden viele englische Zuschauer - wahrscheinlich die Mehrheit von ihnen - das Werk zum ersten Mal sehen, oder sie kennen es nur von den paar Hitsongs und Alan Parkers Filmadaption mit Madonna und Antonio Banderas. Und zum Glück kann man dieses Revival nach seinen eigenen Gesetzen genießen.
Der größte Teil des Stücks ist eine lange Rückblende und erzählt vom Aufstieg Eva Duartes, wie ihre Liebhaber immer einflussreicher werden, bis sie endlich die Geliebte und später die Frau von Juan Perón ist. Der Siegeszug der beiden als Präsident und First Lady von Argentinien wird von einem Durchschnittstypen in der Verkleidung Che Guevaras zynisch kommentiert und beginnt genau dann ins Stolpern zu geraten, als Evas Gesundheit zusammenbricht. Das Musical endet so, wie es begann: Das Begräbnis und die Trauer nach dem Tod von "Santa Evita" umrahmen das Werk als Prolog und Epilog. Es gibt keinen echten Dialog, keine stringent entwickelte Handlung, sondern stattdessen eine Reihe von musikalischen Episoden, die die Geschichte erzählen und sie gleichzeitig kommentieren. Genau dieses Nachdenken der Handlung über sich selbst gibt dem Stück seine Tiefe und hat die Autoren zu so schönen Songs wie 'Another Suitcase in Another Hall' oder 'High Flying Adored' inspiriert.
Und damit gleich zur wichtigsten Frage - der Titelrolle. Wurde in der Rolle der hypnotisch attraktiven und doch so zweifelhaftern, ungeliebten Protagonistin wieder ein Star über Nacht geboren? Viele Kritiker befanden so. Wohl besitzt die argentinische Sängerin Elena Roger eine alles beherrschende Bühnenpräsenz, trotz (oder wegen?) ihre kleiner Statur. wenn Evas egozentrische, manipulative und besessene Persönlichkeit im Laufe des Abends echte und immer größere Macht gewinnt, dann muss auch ihre Stimme machvoller werden. Die anfänglichen Leistungen Elena Rogers ließen nicht so genau erahnen, ob ihr Zögern nun zur Rollencharakterisierung gehörte oder einfach der Nervosität der Presseaufführung geschuldet war; aber als wir dann schließlich Evita in ihrem Element erleben -bei 'Rainbow High' -, da hatte ihre Stimme genau den laserscharfen Strahl und die Kraft, an denen man die regierenden Musical-Diven erkennt. Sicher wird ihr Porträt sich noch weiterentwickeln, und zweifellos wird sie weiterhin Standing Ovations erhalten. (Roger singt hier übrigens auch 'You Must Love Me', den für Madonna neu in den Film eingefügten Song: Eine solche Nummer mag im zweiten Akt dramaturgisch Sinn machen, aber dieser spezielle Song klingt für mich immer noch fehl am Platz" - wie eine lang verlorene Abba-Nummer, die nie aufgenommen wurde.)
Rogers Gegenüber ist Philip Quast, der als Perón einen makellosen Stammbaum and Musicalauftritten mitbringt, so spielte er zum Beispiel im National Theatre den Emile in South Pacific und den Miles Gloriosus in A Funny Thing… Auch hier ruht er wie ein Fels in sich selbst (wobei sein Part ja eindeutig eine Nebenrolle ist), und ich schwelgte in der besonderen Musikalität der viel zu wenigen Momente, in denen seine schöne lyrische Stimme erklang - 'She is a Diamond' war ein Glanzpunkt des Abends.
Mit Matt Rawle als Che hatte ich anfangs Probleme, als er die ersten paar Zeilen mit seiner durchdringenden, aber leichten Stimme sang, deren deutlich nasalen Ton in anderen Arten von Musicals sicher problematisch werden könnte. Diese Rolle aber liegt sehr hoch und er muss mit seinem vielen Text eine laute, dichte Instrumentalbegleitung durchdringen können, was Rawles Stimme sehr gut gelang - zum Beispiel in 'And the Money Kept Rolling in', wo er auch ein paar wirklich umwerfende hohe Töne einwarf. Die Nummern 'High Flying Adored' und 'Waltz for Eva and Che' stellten dann di stärksten Qualitäten seiner Stimme heraus: eine nie nachlassende Leichtigkeit und Lyrik, die Klarheit des Tons und der lange Atem in der Phrasierung. Was seine Interpretation der Rolle angeht, so wirkt die Ironie hier leichter als in früheren Porträts, eher trocken als flammend. Rawle besitzt weder die raue Härte von David Essex noch den pointierten Sarkasmus von Antonio Banderas. Seinem ersten Auftritt in 'Oh, What a Circus' täte sicher etwas mehr Schärfe gut, aber andererseits steht an dieser frühen Stelle des Musicals die Handlung im Vordergrund. Etwas Zurückhaltung beim Sarkasmus hilft sicher um die mit der Handlung noch nicht vertrauten Zuschaure in den Sog der Geschichte hineinzuziehen.
Der berechnende Charmeur und Nachtclubsänger Magaldi, der die noch berechnendere Eva auf ihrem Weg nach oben unbewusst unterstützt, wird hier von Gary Milner ideal gespielt - er bringt ein schönes, schmalziges Legato für 'On This Night of a Thousand Stars' mit, und in 'Eva Beware of the City' klingt er prächtig ölig und falsch in seiner gespielten Sorge. Wenn Lorna Want als Peróns Geliebte ihren einzigen Song 'Another Suitcase in Another Hall' singt, dann ist das ein großartiger theatralischer Moment. Sie hat einen raschen Aufstieg von der weiblichen Hauptrolle der Ariel in Footloose zu dieser zwar kleineren, aber im Grunde viel wirkungsvolleren Rolle hinter sich: hier kann sie einen sehr guten und raffiniert komponierten Song interpretieren und dabei ihre schöne Stimme, ihr Legato und ihre Phrasierung beweisen, gefasst in ein Rollenporträt von berührender Aufrichtigkeit.
Damit wären wir dann bei der Wahl des richtigen Kleides. In einer gelungenen symbolischen Abfolge erleben wir drei Momente des Innehaltens und der Reflexion jeweils womit einer Person in einem weißen Kleid: die jugendliche Geliebte, die von Eva aus Peróns Wohnung geworfen wird ('Another Suitcase in Another Hall'), die Geburt der Legende auf dem Balkon der Casa Rosada ('Don't Cry for Me, Argentina') - ein historisches, auf damaligen Fotografien festgehaltenes Bild, das man nur schwer ignorieren kann - und das kleine Kind, das seine 'Santa Evita' um ihren Segen bitter.
Die symbolträchtige Ausstattung war eines der Markenzeichen von Harold Princes Originalproduktion mit ihren Brecht-Anklängen, sie ergänzte die episodische Konstruktion eines Bühnenmusicals, dessen Ursprünge ja bekanntlich in den einzelnen Tracks eines Konzeptalbums lagen. (Jeder Track evozierte dabei allein durch seine Musik ein ganz klares optisches Bild: bei Hawaii-Gitarren zum Beispiel sehen wir Palmen und bei einem Militärmarsch die Arme). Regisseur Michael Grandage nähert sich dem Stoff anders, er setzt fast durchgehend auf ein naturalistisches Bild, in das er weinige symbolische Momente wie den mit den weißen Kleidern einstreut. In der Eröffnungsszene zum Beispiel zeigt Christopher Orams Bühnenbild die rau verputzte Wand eines Dorfgebäudes; mit einem kleinen Vorhang wird das Innere einer Dorfkneipe daraus, auf deren improvisierter Bühne Magaldi seine Provinzvorstellung in Evas Heimatdorf Junin gibt. Der gemalte Hintergrundprospekt fliegt hinaus und wir sehen die drei Seiten eines zweistöckigen Palazzo mit hohen Fenstern, klassischen Balustraden und Säulen. Dieses vornehme Gebäude steht für das Gegenteil des kleinen Dorfes, die Großstadt Buenos Aires.
Die Seitenflügel beinhalten Evas und Peróns Wohnungen, der Mittelteil die Casa Rosada, auf deren Balkon di berühmte Ansprache stattfindet. Auf dem Platz zwischen den drei Seiten des Gebäudes findet der Großteil der Handlung statt: Dort versammeln sich die Massen, dort wird in einem Tanzsaal getanzt, dort fegt die 'Rainbow Tour' durch Europa, wenn Unmengen von Schrankkoffern im Louis-Vuitton-stil zu Podien für die Staatsangelegenheiten umfunktioniert werden. Dunkle Winkel unter dem rückwärtigen Balkon verbergen die bedrohlichen Schatten von Uniformierten, während Eva und Perón nach der Macht gieren, sei schließlich bekommen und dann zu behalten versuchen. Die südamerikanische Gluthitze wird durch Paule Constables warmes Licht evoziert, dessen Gelb- und Orangetöne eine fast romantische Stimmung vermitteln. Meiner Ansicht nach passt so viel Naturalismus auf der Bühne nicht ganz zur Spezifischen Bauart dieses Musicals, aber es scheint niemand anderen gestört zu haben - vielleicht ignorieren Sie diese persönliche Empfindung einfach.
Die Inszenierung bewegt sich einfallsreich und mit deutlichen dynamischen Akzenten durch dieses Ambiente und relativiert dadurch ein wenig die Statik, die das solide Bühnenbild vielleicht suggerieren mag.
Wenn Rob Ashford seiner Choreografen-Fantasie freien Lauf lässt wie in der Ensemble-tanznummer 'Buenos Aires', dann sieht es einfach klasse aus. Was für ein Kontrast zur seltsam poetischen Wirkung des Tango-und-Wrestling-Matches, mit dem Perón seine politischen Kontrahenten in 'The Art of the Possible' herausfordert und schlägt! (Dazu eine Beobachtung, keine Beschwerde: Ich für meinen Teil vermisse and dieser Stelle immer die explosive Wirkung von 'The Lady Got Potential'. Der musikalische Starkstrom in Kombination mit einem rein erzählenden Inhalt machte den Song auf dem Konzeptalbum zu einer großartigen Nummer, die auch im Film mit den kurzen, schellen Schnitten stark herauskam. Dennoch ist der Song schwer zu inszenieren und war deshalb von Anfang an nie in der Bühnenversion enthalten;) Für 'And the Money Kept Rolling in (and out)' schlug man bi der Film- und Broadway-Diva Lucille Ball nach, die in ihrem Buch einmal konstatiert hat, dass man in Tanznummern am besten aussieht, wenn man stillsteht und sich alles um einen herum bewegt. Genau so verhielt sich Eva während dieser Nummer: Elena Roger posiert und steht ruhig da, sie geht ein par Schritte und nimmt eine weiter Pose ein, während die Massen um sie herum dem Geld nachjagen. Eine einfache Idee, die klar und deutlich versinnbildlicht, wie Eva im Mittelpunkt steht, wie die argentinische Welt sich um sie dreht wie um das Zentrum der Erdanziehungskraft.
Der Star des Abends aber war für mich David Cullen, dessen Ausführung und Ergänzung von Lloyd Webbers Orchestrierungsvorgaben in jeder einzelnen Minute die Wirkung dieser Musik erhöht. Cullens gutes Ohr für Instrumentalfarben und den raffinierten Einsatz geringer Ressourcen zeichnet auch schon seine Arbeit and anderen Lloyd-Webber-Partituren aus. Hier demonstriert er die vollendete Meisterschaft eines guten Arrangeurs. Um das südamerikanische Flair der Handlung stärker zu betonen, wurde die Originalorchestrierung für dies Produktion neu bearbeitet (mit Perkussion, hohen Streichern und Akkordeon). Die Schattierungen zwischen Rock und Samba klingen nun absolut spannend. Das Orchester unter Nick Davies spielte exemplarisch gut, die Sänger auf der Bühne hätten sich keine bessere Unterstützung aus dem Orchestergraben wünschen können.
Was bleibt, abgesehen von der Neuinszenierung, zu diesem Musical weiter zu sagen? Evita blüht und gedeiht seit fast drei Jahrzehnten. Seine große dramatische Kraft erhält das Stück durch die kompakte Bauweise, und dieser starke Eindruck wischt die wenigen musikalischen Momente beiseite, die noch von Entstehen der Show in den 70er-Jahren zeugen (vor allem manche dieser disharmonischen, halbrezitativischen Passagen). Das Stück wirkt heute nicht mehr schockierend, was einige Leute bei der Uraufführung beklagten; in den seitdem vergangenen Jahren wurde die Thematisierung der unliebsamen, weniger bewundernswerten Qualitäten berühmter und mächtiger Menschen zum täglich Brot der Unterhaltungs- und Nachrichtenmedien.
All die Spuren von Respektlosigkeit, die es in den Kritiken von 1978 noch gab, sind heut von Tisch gefegt. Die Musik packt noch immer und die Texte von Tim Rice bringen einen so oft zum Lächeln mit ihren markigen Resümees ("Why try to govern a country when you can become a saint?") und mit ihren anspielungsreichen, klugen Charakterisierungen (zum Beispiel im gesamten Text von 'I'd be Surprisingly Good for You'). Letzen Endes zeigt dieses exzellent Revival nicht nur, dass Evita einen Platz auf den vorderen Rängen des Musicalrepertoires eingenommen hat, sondern dass es ihn absolut verdient.