Kaum zu glauben, dass Evita ganze 28 Jahre nach der West-End-Premiere in diesem Jahr erstmals ein großes Revival in London erlebte. Mit einigen Wochen Verzögerung ist die Highlights-Aufnahme (70:19) dieser Produktion in den Handel gelangt. Lloyd Webber bleibt seinem Standard treu: Pappschuber und separates Libretto lassen das Album edel aussehen. Edel klingt es auch: In wunderbarer Soundqualität kann man sich an David Cullens Bearbeitungen von Lord Andrews Original-Instrumentierung erfreuen, gespielt von einem bestens disponierten (und für die CD auf 33 Mann aufgestockten) Orchester unter Leitung von Simon Lee, während eine ganze Reihe schöner Stimmen die unverwüstlichen Melodien interpretiert. Also alles in Butter?
Nein, für meinen Geschmack leider nicht. Irgendwie ist mir diese Aufnahme zu schön. Der rohe, aggressive Rock-Touch der ursprünglichen Orchestrierung, der der Partitur sowohl Ecken und Kanten als auch jede Menge Energie verlieh, fehlt hier. David Cullen kehrt zugunsten des Lokalkolorits die lateinamerikanischen Elemente der Musik hervor. Das ist ja ganz hübsch, aber Simon Lee schlägt, wenn denn mal im Orchester dank rockiger E-Gitarren etwas mehr die Post abgebt ('A New Argentina'), ein Tempo an, dass man fast Angst hat, der Chor könne beim Singen einschlafen. Das gilt auch für 'And the Money Kept Rolling in' und 'The Art of the Possible', wahrscheinlich einer der schwächsten Lloyd-Webber-Songs überhaupt, der hier trotz atonal anmutenden Arrangements dank des Schneckentempos noch mehr langweilt als sonst. Schade, haben doch in den letzen Jahren sogar "kleine" Stadttheater-Produktionen bewiesen, dass man das ursprünglich an dieser Stelle stehend Cd-Solo 'The Lady’s Got Potential' wunderbar in die Bühnenversion integrieren kann.
Lorna Want (The Mistress) singt ein hübsches 'Another Suitcase in Another Hall', Gary Milner ist ein ordentlich intonierender, ansonsten blasser Magaldi, Philip Quast müht sich vergeblich, aus der traditionell schwachen Rolle des Juan Peron etwas rauszuholen, obwohl er immerhin sehr schön singt. Das tut auch Matt Rawle als Che, und genau das ist das Problem. Seine großartige Leistung als Titelfigur in Boublil/Schönbergs Martin Guerre ist mir auch nach zehn Jahren immer noch sehr präsent, aber hier enttäuscht er. Keine Spur des bissigen Zynikers, an keiner Stelle ist er (zumindest auf CD) ein ernst zu nehmender Gegenspieler Evitas, er bliebt einfach viel zu brav. Und Elena Roger als Eva? Sie hat ein eigenwilliges Timbre, das, wenn man sich daran gewöhnt hat, durchaus gefällt? Ihr 'Don’t Cry for me Argentina' ist tadellos, aber hier wie auch bei 'Buenos Aires' oder dem aus der Verfilmung eingefügten 'You Must Love Me' fehlt das letzte Quäntchen Biss oder Emotion, das aus Routine eine herausragende Leistung macht. Vielleicht stehe ich mit dieser Ansicht aber auch allein da, denn eigentlich gehört das Cast-Album zum ersten West-End-Revival eines der größten Musicalhits der letzten Dekaden ja doch in die gut sortierte Sammlung.
© Musicals.